Das Jahr 1956

Die Anfänge


Als die erste, vierzig Seiten starke Ausgabe von BRAVO – Die Zeitschrift für Film und Fernsehen – an den Kiosken ausliegt, hat sich Deutschland elf Jahre nach der Kapitulation noch längst nicht von den Folgen des Zweiten Weltkrieges erholt. In allen Städten sieht man neben schnell wieder aufgebauten Häusern Trümmergrundstücke mit Bombentrichtern und Zufallsbewuchs, die von den Kindern gerne als Spielplatz genutzt werden. Überall sind die Narben des großen Krieges zu erkennen: Einschusslöcher, Schuttberge, Ruinen, klaffende Wunden in Häuserzeilen, immer wieder rücken Kommandos aus, um Blindgänger zu entschärfen, invalide Veteranen gehören zum Strassenbild.

Erst 1955 findet mit der » Heimkehr der Zehntausend « ein besonders bewegendes Kapitel der Nachkriegsgeschichte ein spätes Ende. Bundeskanzler Adenauer hatte damals bei einer Moskaureise die Freilassung der letzten 30.000 Soldaten und Zivilisten aus russischer Kriegsgefangenschaft erwirkt. Dieser düsteren Vergangenheit steht eine strahlende Zukunft gegenüber. Auf Care-Pakete, Marshallplan und Währungsreform folgt das viel gerühmte Wirtschaftswunder. Die Deutschen schenken dem Motto ihres Wirtschaftsministers Ludwig Erhard  » Wohlstand für alle « – nur zu gerne Gehör und rasch sind erste Erfolge sichtbar. Die Bundesregierung ordnet Wohnungszwangswirtschaft an, um die dramatische Situation in den Städten zu entschärfen und von 1949 bis 1956 werden in einem Tempo, das keiner für möglich gehalten hatte, rund zwei Millionen Sozialwohnungen fertig gestellt. Der Weg für die Förderung beim Bau eines privaten Eigenheims wird damals ebenfalls geebnet. Am ersten Weihnachtsfeiertag 1952 geht mit zwei Stunden Programm am Abend das erste deutsche Fernsehen auf Sendung. 1955 läuft der 1.000.000ste Käfer in Wolfsburg vom Band und Belegschaft und Honoratioren feiern diesen Erfolg dicht gedrängt in der Werkshalle. Gab es Anfang der fünfziger Jahre noch über zwei Millionen Arbeitslose, wirbt man 1955 schon um die ersten Gastarbeiter. Vollbeschäftigung ist kein Wunschdenken, sondern Realität – und zwar auch am Samstag, denn der ist noch ein ganz normaler Arbeitstag. Erst 1956 startet der DGB seine plakative Kampagne zur 40-Stunden-Woche: » Samstags gehört Vati mir! «

In der knapp bemessenen Freizeit fährt man mit dem Auto ins Grüne. Das Straßenbild der Fünfziger prägen neben dem berühmten Wolfsburger Käfer und dem schnittigen, von dem italienischen Designer Luigi Segre entworfenen Karmann-Ghia auch oft verspöttelte Vehikel, wie zum Beispiel der Messerschmitt Kabinenroller, der Lloyd LP 300 – »Wer den Tod nicht scheut, fährt Lloyd! «, die BMW-Knutschkugel Isetta oder das Goggomobil. Wer aus Liebe Geld nicht achten muss, legt sich einen Borgward Isabella für den stolzen Preis von 7.000 DM zu oder fährt gar einen Opel Rekord.

In BRAVO lenkte man im Hinblick auf die eher junge Zielgruppe das Hauptaugenmerk auf Mopeds, Motorroller und Mokicks. Heinkel, Vespa, Kreidler, Zündapp, Lambretta – der Fantasie der Hersteller scheinen keine Grenzen gesetzt. Das belegen auch zahlreiche Doppelseiten in BRAVO, die sich mit dem reichhaltigen Angebot auf dem Markt beschäftigen.

Mobilität ist überhaupt eines der großen Themen der Fünfziger. Das betrifft sowohl die eigene in Form eines motorisierten Zweirades oder eines Automobils, als auch die allgemeine, sprich die zunehmenden Reiseaktivitäten der Deutschen. 1954 wird die Lufthansa gegründet. Die Kranich-Linie richtet schon ein Jahr später einen Liniendienst nach Südamerika und Fernost ein und baut das Streckennetz kontinuierlich aus. Zu den Traumberufen der damaligen Zeit gehören – wen wundert’s? – Pilot und Stewardess, auch wenn der Flug von Düsseldorf nach New York noch 13 Stunden dauert.

Zu den Traumberufen der damaligen Zeit gehören – wen wundert’s? – Pilot und Stewardess

Flugreisen sind wegen der astronomischen Preise allerdings eher Geschäftsleuten vorbehalten. Das Transportmittel der breiten Masse ist innerhalb Europas die Bahn, für Überseereisen die Schifffahrt. Die ersten Tourismus-Unternehmen, wie Touropa, werben für den „Ferienexpress“ mit dem Slogan » Der elegante Ferienzug mit Liegebett für jeden Gast «; und » Neckermann macht’s möglich « wird damals zum geflügelten Wort. Aber auch hier gilt: Reisen ist nicht wie heute eine Selbstverständlichkeit, sondern ein Abenteuer. Die meisten Deutschen machen damals Urlaub im Umland oder auf Balkonien. Trips an Nord- und Ostsee, Ausflüge in die Mittelgebirge – der Urlaub in der Ferne ist für viele unerschwinglich. Ihnen helfen Organisationen, deren Bezeichnungen noch an die staatlich organisierten Ferienaktivitäten zu Zeiten des Nationalsozialismus erinnern. Die Kinder sind dank der Landverschickung aus dem Haus, die Mütter sind mit dem Müttergenesungswerk unterwegs. Dennoch registriert man 1956 schon rund fünf Millionen Deutsche, die in Richtung Süden aufbrechen. Ganze Käferkolonnen wälzen sich über die Alpen nach Italien, das zum Inbegriff für den unbeschwerten Sonnenurlaub wird. Die Folgen sind auch auf musikalischer Ebene nicht zu überhören: ‚Capri Fischer‘, ‚O Mia Bella Napoli‘ oder ‚Ciao Ciao Bambina‘ lauten die klingenden Weisen, die gemeinsam mit den ‚Salzwasser‘-Songs des singenden Seemanns Freddy Quinn das Fernweh noch verstärken.

Überhaupt lautet das Motto nach den Jahren der propagandistischen Bevormundung und kriegsbedingten Entbehrung: Unterhaltung und zwar vorzugsweise mit leichter Kost. Während Deutschland schuftet, dudelt unentwegt das Radio, das damals noch über die wenigen Fernsehgeräte (nur zwei Prozent aller Haushalte nennt diese technische Errungenschaft ihr Eigen) triumphiert. Und » die leichte Brise aus Südwest « wie eines der Radioprogramme heißt, weht vornehmlich deutschsprachige Lieder und Schlager in die gute Stube. Den einzigen fremdsprachigen Titel kann eine 34-jährige deutschstämmige amerikanische Schauspielerin zu den Hits des Jahres 1956 beitragen. Geboren am 3. April 1924 in Cincinnati, Ohio als Doris von Kappelhoff, war sie Ende der Dreißiger-Jahre dem Rat eines Nachtclubbesitzers gefolgt und hatte den Nachnamen „Day“ angenommen. Mit beträchtlichem Erfolg. Eines ihrer beliebtesten Gesangsstücke wird „Day after Day“; am populärsten aber wird „Qué sérà (Whatever Will Be, Will Be)“, ein Hit aus dem legendären Hitchcock-Klassiker „Der Mann, der zuviel wusste“.

Ansonsten dominieren jede Menge deutsche Titel den Äther: Lieder von Freddy Quinn und Fred Bertelmann, Ralf Bendix, Rudi Schuricke, dem Eilemann-Trio oder Caterina Valente, einer Ausnahmeerscheinung im deutschen wie im internationalen Showbiz. Der begabte Spross einer italienischen Artistenfamilie (geboren am 14. Janura 1931 in Paris) brilliert nicht nur mit ihrer Karriere als Schauspielerin, sondern auch als Sängerin und Entertainerin. Dabei wechselt sie die Sprache (insgesamt singt sie in zwölf verschiedenen Sprachen) genauso häufig wie den Namen ihrer Formation: Club Indonesia, Club Italia, Club Argentina, Club Manhattan, Club Honolulu und Catrins Madions Club sind nur einige der Zusammenstellungen, bei denen sie mitwirkt. In den Fünfzigern verzaubert sie mit Ohrwürmern wie „Ganz Paris träumt von der Liebe“, der sich sensationelle 500.000-mal verkauft und singt zahlreiche Duette mit ihrem Bruder Silvio Francesco oder Peter Alexander.

Freddy Quinn – Einer der ersten BRAVO-Stars

Balsam für wundgescheuerte Seelen

Der österreichische Sänger und Schauspieler legt in den Fünfzigern den Grundstein für seine einmalige Karriere, an der Filme, gerne mit Musik- und Tanzeinlagen, einen großen Anteil haben. Überhaupt gehören Kinobesuche zur beliebtesten Freizeitbeschäftigung der Wiederaufbau-Generation. Und auch hier gilt: leichte Kost bevorzugt. Otto-Normalverbraucher liebt vor allem Heimatfilme, die wohl als einzig echtes deutsches Filmgenre anzusehen sind. Die Titel versprechen jede Menge Natur und Rührung: „Wo der Wildbach rauscht“ und die Heide grünt, da sind das „Schwarzwaldmädel“ und „Der Förster vom Silberwald“ zu Hause. Die unumstrittenen Stars dieses neuen Genres sind Sonja Ziemann und Rudolf Prack. Die Rührstücke inszenieren perfekt die heile Welt, nach der man sich in den Nachkriegsjahren sehnt: „Der Heimatfilm war ein Spiegel der gesellschaftlichen Tendenzen der fünfziger Jahre. Er stellte den Mühen und den Sorgen des Alltags idylische Bilder eines anderen Lebens gegenüber. Er zeigte eine heile, intakte Welt der Natur. Kriegsruinen wollte man nicht auch noch im Kino sehen. Der Heimatfilm war Balsam für die wundgescheuerten Seelen“ so Rüdiger Dingemann und Renate Lüdde in ihrem Buch „Deutschland in den fünfziger Jahren. Das waren noch Zeiten!“.

Die wundgescheuerten Seelen gilt es zu schonen und so wundert es wenig, dass 1952 ein Streifen wie „Die Sünderin“ für einen handfesten Skandal sorgt. Die junge Hildegard Knef war in einer Szene kurz nackt zu sehen. Es waren aber wohl nicht nur die nackten Tatsachen, sondern vielmehr die Themen Prostitution, Sterbehilfe und Selbstmord, die die Gemüter erregten. Die Knef spielt Martina, die den älteren, schwer kranken Maler Alexander liebt. Um ihm eine teure Operation zu ermöglichen, geht sie für ihn anschaffen. Aber die Heilung bleibt aus und Martina, die ihren Geliebten nicht leiden sehen kann, tötet zuerst ihn und dann sich selbst. Starker Tobak für eine Gesellschaft, die sich ablenken will. Abgesehen von wenigen ambitionierten Filmen wie Bernhard Wickis „Die Brücke“, der Carl-Zuckmayr-Adaption „Des Teufels General“ (über den Freitod des Fliegeroberst Udet) oder dem Krimi-Doku-Drama „Das Mädchen Rosemarie“, das den Skandal um die Ermordung der Edelprostituierten Rosemarie Nitribitt thematisiert, erfreut sich der Deutsche an Leinwand-Märchen wie der „Sissi“-Trilogie, die der jungen Romy Schneider zu Weltruhm verhilft.

In diese heile Welt mischen sich 1956 aber auch andere Töne. Politisch beherrscht die Militarismus-Diskussion die Schlagzeilen: Adenauer setzt gegen den Widerstand zahlreicher Interessensgruppen das Wehrpflichtgesetz durch, das am 9. Juni vom Bundestag verabschiedet wird. Am 1. April des Folgejahres, zwölf Jahre nach dem Untergang des „Tausendjährigen Reiches“ rücken die ersten Wehrpflichtigen wieder in eine deutsche Kaserne ein. Und am 25. Oktober wird Hitler vom Amtsgericht Berchtesgaden auch offiziell für tot erklärt. Die Geschichte ist mit Siebenmeilenstiefeln über den „größten Feldherrn aller Zeiten“ hinwegmarschiert.

Der deutsche James Dean heißt Horst Buchholz


In Sachen Film, Funk und Fernsehen schwappt in dieser Zeit eine Welle aus Amerika kommend nach Deutschland, der vor allem die Jugend erliegt: Während die etwas gesetzteren Herrschaften „Sissi“ ansehen, stürmen sie in „Giganten“, den letzten Film mit James Dean. Im Jahr zuvor war der Porsche-Fan bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Der deutsche Film reagiert und kopiert zum Ärger der strengen Sittenwächter die amerikanischen Kinorebellen, denen die Jugendlichen nacheifern. Der deutsche James Dean heißt Horst Buchholz: Hotte gibt 1956 unter der Regie von Georg Tressler und an der Seite des Jungstars Karin Baal in „Die Halbstarken“ den 19-jährigen Jugendbandenboss Freddy. Der Film – das Plakat lockt mit dem Slogan „hart … realistisch … aktuell“ – löst landesweit Diskussionen aus und wird natürlich auch in BRAVO intensiv besprochen. In der ersten Ausgabe findet sich darüber hinaus eine kuriose Meldung, die im Zusammenhang mit dem streitbaren Film steht: Unter der Überschrift „Rache der Halbstarken“ wird berichtet, dass eben solche Halbstarke Will Tremper, dem Drehbuchautor des „Halbstarken“-Films, aufgelauert haben, ihn erst verprügelten und zwei Tage später essigsaure Tonerde zuschickten.

Der große James Dean

BRAVO hat das Selbstverständnis deutscher Jugendlicher entscheidend geprägt

Neben Hotte Buchholz sind es vor allem Hollywoodstars, die damals in BRAVO gewürdigt werden. Das Titelbild der ersten Ausgabe dominieren denn auch die lächelnde Marilyn Monroe und Richard Widmark. Und das kam nicht von ungefähr. Der Kulturforscher Kaspar Maase sieht im Image des coolen, lässigen Amerikaners das Gegenbild zu dem noch

Elvis Presley Starschnitt
Elvis Presley Starschnitt

vom Militarismus geprägten Deutschen. In seinem Aufsatz „Medium jugendlicher Emanzipation: BRAVO in den Fünfzigern“ kommt er zu dem Entschluss, dass das Teenager-Magazin das Selbstverständnis deutscher Jugendlicher entscheidend geprägt habe und „gewiss einiges dazu beigetragen hat, die Hacken zusammenschlagende Verehrung des deutschen Militarismus zu beenden“. Zur Verbreitung der zweiten Welle, die über den großen Teich schwappte, trug BRAVO allerdings eher schleppend bei. Man hält, ganze wie die Elterngeneration, zunächst Distanz zum Rock ’n‘ Roll. Erst in seiner 15. Ausgabe bringt das Magazin das erste zweiseitige Porträt von Elvis Aaron Presley. Der „Hüftwackler“ ist auch der erste hauptberufliche Nichtschauspieler, der das Titelbild der BRAVO zieren darf: Am 30. Dezember 1956 strahlt sein Konterfei den Lesern entgegen. So ganz geheur ist die neue Musikrichtung den Redakteuren dennoch nicht. Die Rock ’n‘ Roller werden als „Lärmschläger“ bezeichnet und mit den durch die Albträume der Sittenwächter geisternden Halbstarken gleichgesetzt. Aber schon bald wird klar, dass die Musikrichtung nicht mehr aufzuhalten ist. Diese Musik, diese Art von Filmen, überhaupt die ganze Welle dieser neuen Jugendkultur, die BRAVO mit ihren Heften bediente, würde alles Althergebrachte unter sich begraben, würde mit alten Sitten und Gebräuchen brechen und damit die Welt der Erwachsenen bedrohen.

Der Rock ’n‘ Roll war der Soundtrack eines neuen, von den Reglements der Altvorderen befreiten Lebensgefühls: Sinnlichkeit und Sex statt Zucht und Ordnung. Mobilität statt „Still gestanden“, Reiselust anstelle von „hier geblieben“, Twist tanzen statt Liegestütze nach Turnvater Jahn.

Elvis Presley – der Botschafter des schlechten Geschmacks


Die Reaktion kommt prompt: Der neue King of Rock ’n‘ Roll, der seine jugendlichen Fans mit seinem Hüftschwung („The Pelvis“) elektrisiert, wird von verängstigten Sittenwächtern als „musikalischer Abschaum“ oder „Botschafter des schlechten Geschmacks“ verunglimpft. BRAVO immerhin hat mittlerweile die Bedeutung des Mannes erkannt, der – zusammen mit James Dean – zum Alle überragenden Jugendidol werden sollte. Bis weit über seinen Tod hinaus, ja eigentlich bis zum heutigen Tag, berichtet das Magazin über den Mann aus Tupelo, Mississippi, der ein neues Zeitalter in der Popmusik eingeleitet hat. In Amerika sind die Teenager längst schon verrückt nach Elvis-Artikeln. Der Renner ist ein Lippenstift mit Elvis-Autogramm auf der Hülse. Farbe: natürlich „Hound-Dog-Orange“.

Der „King“ elektrisiert die Gesellschaft

In Stockholm wird ein Pferd zur Legende

Was 1956 sonst noch geschieht: Ein großer Kinoerfolg des Jahres ist „Die oberen Zehntausend“ mit Bing Crosby und Grace Kelly. Danach gehört die Aktrice mit den irischen Wurzeln selbst zur Upper-Class, denn noch im gleichen Jahr ehelicht sie als Gracia Patricia Fürst Rainier III. von Monaco und sichert durch die Geburt der Thronfolgerin Caroline die Unabhängigkeit Monacos von Frankreich. In Stockholm wird ein ein Pferd zur Legende – die Stute Halla trägt den durch ein Muskelriss gehandicapten Hans-Günther Winkler zum Olympiasieg im Springreiten.

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