Das Jahr 1957

Zwischen Quarrymen und Caterina Valente


Der Jahreswechsel 1956/1957 bringt verschiedene Neuerungen: Lego, lateinisch: » Ich sammle, ich setze zusammen «, erobert die Kinderzimmer. Das Stecksystem-Spiel aus Dänemark – zuerst aus Holz-, später dann aus Plastikbausteinen – wird zum Spielzeug des Jahrhunderts. Die Milchbar, ein Export aus den USA, wird zum trendigen Treffpunkt für Teenager. Wie der Name schon sagt, gibt es dort nur Milchprodukte: Shakes und Speiseeis, Alkohol wird nicht ausgeschenkt. Hollywood betrauert den Tod von Humphrey Bogart im Januar; in den Büros tauchen elektrische Schreibmaschinen auf und die deutschen Kinder stehen Schlange bei den erstmals durchgeführten Massenimpfungen gegen Kinderlähmung. Im November fliegt die Hündin Laika ins All und sicher den Sowjets einen Vorsprung beim Wettlauf um das All. Die Anzahl der Fernsehgeräte in deutschen Haushalten hat sich auf vier Prozent verdoppelt, die Werbestrategen der Verbraucherindustrie wittern eine große Chance. Der Unterhaltungsriese Telefunken bringt die in Amerika bereits bestens bewährten Transistorradios (Maße: 15 x 8 x 5 cm) auf den Markt. Die Zielgruppen sind zunächst Camper und Badeausflügler. Das Höchste der Gefühle für wahre Musikliebhaber ist aber das Grundig-Tonband-Gerät TK 5. Besitzer solcher Wiedergabegeräte sind auf jeder Party willkommen, konnte man damit doch stundenlang die im Radio aufgenommene Musik abspielen.

Die Andrew-Sisters

Harry Belafonte verdrängt Elvis Presley

Und die hat es in sich: In Ausgabe 31 aus dem Jahr 1957 vermeldet BRAVO: England begeistert sich mehr und mehr für Skiffle-Musik. Auch in Liverpool gibt es eine Skiffle-Group, die sich noch „Johnny and the Moondogs“ nennt und später in „Quarrymen“ umtauft. Vorzugsweise spielen sie auf Kirchen- und Schulfesten. Eines schönen Tages ändert man die Besetzung, nennt sich „The Beatles“ und was daraus geworden ist, das weiß man inzwischen.

Das Gros der Musikhörer interessiert damals allerdings weniger diesen neuen Trend als vielmehr der Kampf um die Publikumsgunst zwischen Rock ’n‘ Roll und Calypso. Zwar hatten die Andrew Sisters bereits 1945 mit „Rum and Coca-Cola“ einen Riesenhit im Calypso-Sound gelandet, aber erst dank Harry Belafonte hatte dieser Musikstil seinen Siegeszug um die ganze Welt angetreten.

Jetzt war er drauf und dran, dem Rock ’n‘ Roll den Rang abzulaufen. Laut einer Umfrage unter 3.000 DJs in Amerika waren 1957 die beliebtesten Persönlichkeiten in der Schlagerbranche: Harry Belafonte, Frank Sinatra und erst an dritter Stelle Elvis Presley. Belafonte hatte schon im Vorjahr mit seinem Album „Calypso“ sage und schreibe 31 Wochen auf Position Nummer-Eins der amerikanischen LP-Charts gestanden. Gleichzeitig hatte er eine der Hauptrollen in dem populären Filmstreifen „Carmen Jones“ gespielt, sodass seine Beliebtheit nicht von ungefähr kam. 1957 agiert Harry in dem Streifen „Insland In The Sun“, der gleichnamige Titelsong wird sein größter Erfolg auf der schwarzen Rille.

In Deutschland springt Caterina Valente als eine der Ersten auf den erfolgreichen Zug auf und landet mir „Tipitipitipso (beim Calypso)“ einen Riesenhit.

Harry Belafonte liegt bei Umfragen noch vor Elvis Presley

James Dean vor Horst Buchholz

Die erste BRAVO-Wahl

1957 gibt es auch bei BRAVO eine wichtige Neuerung: Erstmals wird die OTTO-Wahl durchgeführt. Die Leser dürfen ihren beliebtesten Schauspieler wählen, denn BRAVO ist, was die Schwerpunkte anbelangt, schließlich immer noch eine Film-Zeitschrift. Die Leser entscheiden sich für den bereits im Jahr 1955 tödlich verunglückten James Dean vor Horst Buchholz und Haudegen Burt Lancaster. Die weiblichen OTTOs gewinnen in jenem Jahr Maria Schell, Gina Lollobrigida und Romy Schneider.


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