Elvis leitet den Wandel ein

Der Wandel zur Musikzeitschrift wird 1958 durch die Person von Elvis Presley eingeleitet. In den ersten beiden Jahren hatte man den Produkten aus Hollywood und Babelsberg noch 90 Prozent des redaktionellen Interesses gewidmet, der Umfang der Musikberichterstattung, die sich ursprünglich neben der Schlagermusik auch dem Jazz widmete, betrug nicht mehr als zehn Prozent. Als Elvis am 01. Oktober 1958 nach Deutschland kommt, um seinen Militärdienst in einer Kaserne im hessischen Friedberg zu absolvieren, beginnt sich das Verhältnis Film/Musik zugunsten der Musik zu verändern. Die Ankunft des Stars in „Good Old Germany“ löst eine wahre Hysterie aus und gießt jede Menge Öl ins Feuer der allmählich auch hierzulande aufkommenden Rock ’n‘ Roll-Leidenschaft.

Eines der ersten Titelbilder mit Elvis Presley als Cover-Star

Dass man in Deutschland rocken kann, beweist das Traums-Duo des ausgehenden Jahrzehnts: die Berlinerin Cornelia, genannt Conny Froboess und der Münchner Peter Kraus. Zum Zeitpunkt ihres Einstiegs in die BRAVO-Hitlisten sind Conny 15 (geboren am 28. Oktober 1943  in Wriezen an der Oder), Peter 19 Jahre jung (geboren am 18. März 1939 in München als Peter Krausenecker). Dennoch ist es für die beiden bereits die zweite Karriere. Conny hatte bereits im zarten Alter von sieben Jahren und mit bunten Schleifchen im Haar ihr Publikum erfreut. Mit Liedern wie „Pack die Badehose ein“ (1951) „Hei hei hei so eine Schneeballschlacht“ (1951/1952) und „Lieber Gott, lass die Sonne wieder scheinen“ (1953) trällerte sie Liedchen, die ihr der Herr Papa, seines Zeichens Komponist und Tonmeister, auf den Leib geschrieben hatte. Peter Kraus hatte seine Karriere hingegen als Schauspieler begonnen. 1954 spielte er in der Verfilmung von Erich Kästners „Das fliegende Klassenzimmer“ die Rolle des Schülers Johnny.

Bis 1959 ziert Conny fünfmal das BRAVO-Titelbild, Peter bringt es gar auf neun Cover. Von Ausgabe 49/1958 an widmet BRAVO Peter Kraus sogar eine 14-teilige Serie. Mit 112 Fan-Clubs, die 1958 allein in Deutschland gezählt werden, ist er mit Abstand der beliebteste inländische Interpret. Conny folgt mit eigener Serie erst ab Ausgabe 37/1959 und das auch „nur“ zwölfteilig. Den Rekord hält bis heute aber Horst Buchholz, der dem Magazin von Ausgabe 18/1957 an eine umfassende 27-teilige Fortsetzungsserie wert war.

Da Conny und Peter so gut ankommen, drehen sie bald ihren ersten gemeinsamen Kinofilm. Sinnigerweise heißt der: „Wenn die Conny mit dem Peter“. Auf Schallplatte kann man die beiden aber erst 1960 gemeinsam hören. Schuld daran sind die beiden unterschiedlichen Plattenfirmen, bei denen Peter Kraus (Polydor) und Conny (Electrola) unter Vertrag stehen. Die nämlich können sich nicht über die Vertragseinzelheiten einig werden. Wahrscheinlich ging es – wie so oft – um das liebe Geld.

Conny Froboess zählt zu den beliebtesten Stars der Nachkriegszeit

Aus dem Radio bei Familie Mustermann erklingen in den ausgehenden fünfziger Jahren auch jede Menge Instrumentalmelodien, allen voran die vom Orchester Billy Vaughn gespielten. Der erfolgreichste Song dieser Musikrichtung ist allerdings der „River Kwai Marsch“, dargebracht von dem Orchester Mitch Miller. Die Platte verkauft sich 1958 innerhalb von fünf Wochen 400.000 Mal und bringt dem Orchesterchef Ruhm und Reichtum. Beides hat er im Grunde der Filmindustrie zu verdanken: Die Single hatte nämlich schon seit Jahren unter dem Titel „Colones Bogey“ wie Blei in den Plattengeschäften gelegen. Erst als man das Stück zur Titelmelodie des Streifens „Die Brücke am Kwai“ macht, ist plötzlich alle Welt verrückt danach.

Ein Erfolg, an dem ein Sender nicht ganz unbeteiligt ist: Radio Luxemburg startet 1958 sein Programm für Westdeutschland und wird mit seinen „fröhlichen Wellen“ bald zum beliebtesten Radiosender. Zum Moderatorenteam gehören Camillo Felgen und später auch Frank Elstner sowie ein gewisser Dieter Heck, der ab 1965 die tösende Ausgabe der BRAVO Musicbox präsentieren wird. Die erklingen allerdings schon in „plastischem Ton“, genannt Stereo. Die Neuerung aus Amerika läutet das Ende der 78er-Schellackplatten ein. Zunächst kündigt nur die Firma Capitol diesen Schritt an, doch am 1. Juli 1958 schließen sich alle deutschen Plattenfirmen an.

Dieter Thomas Heck macht seine ersten Schritte bei Radio Luxemburg

Noch etwas? Ach ja: In ganz Deutschland lässt man den Hula-Hoop-Reifen, um die Hüften kreisen und in Schweden schießt der erst 17-jährige Edson Arantes Do Nascimento, genannt Pelé, sein Land Brasilien erstmals in den Fußball-Olymp und entthront damit Titelverteidiger Deutschland, die 1954 beim „Wunder vom Bern“ gegen die favorisierten Ungarn gewinnen konnten. Dafür sammeln die Deutschen nun Punkte beim Autofahren, denn in Flensburg wird die Verkehrssünderkartei eingerichtet. Im deutschen Fernsehen laufen die ersten Folgen von „Stahlnetz“, während im Kino Marlene Dietrich in „Zeugin der Anklage“ zu Höchstform aufläuft. Im selben Jahr tritt das Gleichberechtigungsgesetz in Kraft und verhilft der deutschen Frau zu mehr Mündigkeit.


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