Die erste Discothek in Deutschland

1959 leidet Elvis Presley innerhalb von vier Monaten zum zweiten Male wegen eines Einsatzes bei einem völlig verregneten Manöver an einer schweren Halsentzündung. Im Juni lässt sich der King daraufhin die Mandeln herausnehmen. Derweil macht Frank Sinatra auf andere Art und Weise von sich reden: Einer Zeitungsmeldung zufolge verdient Frankie-Boy 1959 insgesamt vier Millionen US-Dollar. Genau das Hundertfache setzen die rund 1.500 US-Schallplattenfirmen jährlich um.

Er ist der Großverdiener des Jahres – Entertainment-Legende Frank Sinatra

Das liebe Geld beschäftigt auch deutsche Künstler: Caterina Valente verdient reichlich davon mit ihrer deutschen Version von Domenico Modugnos San-Remo-Siegertitel „Ciao Ciao Bambina“, verkauft ihre Villa bei Mannheim for 500.000 DM und zieht in die Schweiz nach Lugano, weil sie dort nur 25% Steuern zahlen muss.

Beneidenswert, mag sich wohl auch mancher jugendliche Nachtschwärmer gedacht haben, der in jenem Jahr eine neue Möglichkeit bekommt, Geld auszugeben: BRAVO Nr. 32 berichtet über die Geburtsstunde der heutigen Discotheken: „Polydor hat zusammen mit einer Limonadenfabrik ein Unternehmen gegründet, das bei tanzlustigen Teenagern sicherlich viel Beifall finden wird: Man mietet den größten Saal im Ort, baut dort einen Plattenspieler und eine Erfrischungstheke auf – und bittet die Jugend zum Tanz. Der Eintrittspreis ist niedrig, um zehn Uhr ist Schluss.

Beschallt werden Backfische und Halbstarke mit Rock ’n‘ Roll – auch made in Germany: Seit kurzem nämlich hat sich ein deutscher Elvis zum Teenager-Paa Froboess/Kraus gesellt. Er heißt mit bürgerlichem Namen Harald Schubring, nennt sich aber Ted Herold. Seine Hits erscheinen, wie alle anderen Schlager-Singles und LPs, noch in Mono. Zwar werden die Schlager-Stereoplatten mit Raumklang nun auch in Deutschland angeboten, sie sind allerdings mit neun Mark noch recht teuer.

Einer der großen Stars der späten 50er Jahre: Ted Herold

Dem Siegeszug des Rock ’n‘ Roll trägt auch eine Neuerung bei BRAVO Rechnung: Das Magazin startet in Ausgabe 13 den ersten Starschnitt in Lebensgröße. Für das elfteilige Großplakat hat man zunächst noch die damals äußerst beliebte und attraktive französische Schauspielerin Brigitte Bardot ausgewählt. Schnell besinnt man sich allerdings auf die aufkommende Musikkultur. Nach Brigitte folgen 1959 noch Peter Kraus, Conny, und Elvis Presley als Starschnitt.

Weitere Highlights des Jahres: In den USA wird das inzwischen legendäre schwarze Plattenlabel Motown gegründet und die erste Barbie-Puppe erblickt das Licht der Welt. Über die DDR-Mattscheiben flimmert zum ersten Mal das Sandmännchen, während die Zuseher des westdeutschen Fernsehens mit Kriegshelden leiden, die zu Fuß aus Russland in die deutsche Heimat zurückkehren. Titel des sechsteiligen Straßenfegers: „Soweit die Füße tragen“.

Willy Brandt, damals Regierender Bürgermeister von Berlin, begibt sich auf eine Weltreise und wirbt um Verständnis für die geteilte Stadt. Die vier Siegermächte stecken mitten im Kalten Krieg, der in Berlin immer mal wieder heiß zu werden droht. Hawaii wird 1959 der 50. Staat der USA und Fidel Castro führt seine Revolutionsgruppen erfolgreich gegen Diktator Batista, der ins Ausland flüchtet. Der „Maximo Lider“ steht seit diesen Tagen dem Inselstaat Kuba als allgewaltiger Staatschef vor und entwickelt „einen karibischen Sozialismus“.

Neben der Politik hat das Jahr 1959 auch kulturell einiges zu bieten. In New York wird das Guggenheim Museum eröffnet und Hollywood produziert den Monumentalfilm „Ben Hur“, der bis heute mit elf Oscars einer der Rekordhalter ist (Neben Titanic und HdR: Die Rückkehr des Königs | Stand 2019). Deutschlands Filmindustrie bringt unter Leitung des Regiestars Bernhard Wicki den Film „Die Brücke“ ins Kino, einen Streifen über die letzten Tage des Zweiten Weltkriegs. Die Jungstars von einst heißen: Fritz Wepper, Volker Lechtenbrinck und Michael Hinz.

Günter Grass veröffentlicht als ersten Teil seiner Danziger Trilogie „Die Blechtrommel“, einen der bedeutensten Romane deutscher Nachkriegsliteratur. Die Lotto-Toto-Einnahmen in der BRD belaufen sich auf 220 Mio. Mark; 20 Prozent davon werden für kulturelle und soziale Zwecke genutzt. Deutschlands Meteorologen registrieren den heißesten Sommer seit 1854 und heiß wird es auch im kommenden Jahrzehnt hergehen. Die Swinging Sixties stehen vor der Tür und mit ihnen Beat-Ära, Vietnamkrieg und Studentenbewegung. Das Jahrzehnt des Wiederaufbaus, der Adenauer-Restauration und der Erhard-Parole „Wohlstand für alle“ ist vorüber.


Lesen Sie weiter in den Jahren


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.