Das erste Jahr der NDW


1982 ist Jahr Eins der Neuen Deutschen Welle! In Ausgabe 24 fordert BRAVO seine Leser zu einer Sonder-OTTO-Wahl auf: „Wählt die stärkste Gruppe der Neuen Deutschen Welle!“ Drei Ausgaben später druckt das Blatt die „geilsten“ Texte der NDW-Songs ab: „Komm, wir lassen uns erschießen, Jeder nennt Dich arbeitsscheue Sau!“ und „Ich bin verklemmt, war nie enthemmt.“ In Ausgabe 30 präsentiert BRAVO unter dem etwas eigenwilligen Titel „Eure tollsten Tanzkapellen“ schließlich die Sieger der NDW-Sonder-OTTO-Wahl. Und so haben die Leser damals entschieden: 1. UKW, 2. Spider Murphy Gang, 3. Hubert Kah.

Für die BRAVO-Leser sind die Jungs von UKW die beste NDW-Gruppe

Duzende von Hits halten nun Einzug in die deutschen Musikcharts, die weiteren Protagonisten dieser neuen Musikrichtung heißen Trio, Ideal, Extrabreit und Joachim Witt, der mit seinem „Goldenen Reiter“ einen der größten Erfolge landet.

Aus dem Nachbarland gesellt sich ebenfalls ein Sänger unter die Stars der NDW. Falco, bürgerlich Johann Hölzl, geboren 1957 in Wien, hatte zunächst einige Zeit in Berlin verbracht und versucht, in der musikalischen Szene mitzumischen. Der Erfolg kommt aber erst, als er sich aus Bewunderung für den DDR-Skispringer Falko Weisspflog (nicht zu verwechseln mit Jens Weissflog) Falco nennt. Nach seiner Rückkehr aus Berlin gründet er das erste Wiener Musiktheater, das sich als „Halluzination Company“ bald einen Namen macht. Mit der Gruppe Drahdiwaberl nimmt er damals den Song „Ganz Wien (ist heut auf Heroin)“ auf. Das Stück wird zum Geheimtipp, auch, oder gerade weil es von den Rundfunksendern boykottiert wird. Im Sommer 1981 veröffentlicht Falco dann den Song „Der Komissar“, der eine mehrjährige, erfolgreiche Karriere begründet. Am 6. Februar 1998 kommt Falco, kurz vor seinem 41. Geburtstag, bei einem Verkehrsunfall in seiner Wahlheimat Dominikanische Republik ums Leben. Zum Tod befragt, äußerte er einst: „Macht euch keine Sorgen, ich werde als Melodie durch Universum fliegen!“

Auch heute noch ist der frühe Tod von Falco eine der größten Tragödien der Musikgeschichte

Am 24. April holt die 17-jährige Nicole (Hohloch) in Harrogate, England, den ersten Grand-Prix-Sieg für Deutschland. „Ein bisschen Frieden“ heißt ihr von Ralph Siegel komponiertes und produziertes Lied. Sie kam in einem züchtigen Kleid, hatte ihre blonden Haare engelsgleich gebürstet, trug eine weiße Gitarre vor dem Oberkörper und saß auf einem Hocker. Ihren Titel sang sie nicht perfekt, ihre damals eher dünne Stimme war vor allem in den wichtigen Höhen des Refrains eher piepsig, aber womöglich war gerade das ihr Geheimnis: Sie kam wohl in den Genuss von so vielen Punkten, weil sie so glaubwürdig und unschuldig zugleich daherkam. Mit der englischen Version des Songs, „A Little Peace“, wird Nicole übrigens die 500. Nummer Eins der Charts seit Beginn der Auflistung im Jahre 1952.

Nicole mit dem ersten Grand Prix Siegertitel für Deutschland

Was noch geschah: Sponti-Sprüche haben Hochkonjunktur. Sie zieren Hosen, Taschen, Schulbänke und vor allem Hauswände. Zum Spruch des Jahres wird: „Wir haben keine Chance, nutzen wir sie!“. Dazu gesellen sich mehr oder minder gelungene bunte Sprayereien. Das Graffiti erobert den Putz. Im Kino sind die Eroberer klein, runzelig, haben eine leuchtende Fingerkuppe und sind nicht von dieser Welt: „ET“ heißt das Spektakel von Steven Spielerg, das Millionen zu Tränen rührt. Der Film über einen außerirdischen Botaniker, den seine Kollegen auf der Erde vergessen haben, bricht von Weihnachten alle Kassen- und Besucherrekorde und erhält vier Oscars. Eher zum Lachen waren dagegen viele Szenen eines anderen Erfolgsfilms aus dem Jahr 1982: der tragisch-komische Travestie-Film „Tootsie“ mit Dustin Hoffman und Jessica Lange, der für zehn Oscars nominiert war, am Ende aber nur mit einem augezeichnet wurde. Jessica Lane war die Glückliche. Weitere Hits im Kino: „Gandhi“ von Richard Attenborough und „Der Strand der Dinge“ von Wim Wenders.

Außerdem stirbt Romy Schneider im Alter von nur 43 Jahren in Paris. Todesursachen sind Medikamentenmissbrauch und Alkoholkonsum.


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